17. Juni 2026Urheberrecht
100 Jahre CISAC – Eröffnungsrede des Präsidenten Björn Ulvaeus auf der Generalversammlung in Paris
Anfang Juni feierte die CISAC ihr 100-jähriges Bestehen in Paris. Auf der Generalversammlung am 4. Juni hielt der CISAC-Präsident Björn Ulvaeus eine vielbeachtete Eröffnungsrede zum Thema KI, die wir hier in deutscher Übersetzung vollständig veröffentlichen.
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Im Video können Sie die Rede von Björn Ulvaeus im Original verfolgen.

Eröffnungsrede des CISAC-Präsidenten Björn Ulvaeus. CISAC-Generalversammlung 2026


Guten Morgen.

Es ist ein bedeutender Tag und wir leben in bedeutsamen Zeiten.

Ich möchte diese Rede mit einer entscheidenden Frage beginnen. Einer philosophischen Frage, von der ich glaube, dass sie sich als essenziell für die Organisationen herausstellen wird, die wir repräsentieren. Und eine, die, wenn wir ehrlich sind, niemand von uns mit absoluter Sicherheit beantworten kann.

Spielt die Herkunft von Kunst eine Rolle?

Wenn ein Musikstück dich bewegt – dich wirklich bewegt, dich tief im Inneren berührt –, ist es dann von Bedeutung, ob ein Mensch es geschaffen hat?

Wenn du deine Augen schließt und etwas dich durchdringt – ein Wiedererkennen von Trauer, Freude, Sehnsucht, und du später entdeckst, dass es von einer Maschine zusammengesetzt wurde – verändert es das, was du erlebt hast? Macht es das ungeschehen?

Ich dachte bisher, die Antwort sei eindeutig ja.

Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Und ich denke, wir müssen ehrlich sein, dass Zweifel besser ist, anstatt darüber hinwegzusehen, als gäbe es sie gar nicht.

Ich möchte von Anfang an ehrlich sein: Ich verwende KI beim Songwriting und ich halte es für ein fantastisches Werkzeug. Es eröffnet neue Möglichkeiten, hilft mir dabei, schneller Ideen zu entwickeln, und es kann ein wirklich kreativer Mitarbeiter sein.

Ich bin nicht hier, um Technologie abzulehnen. Ich bin hier, weil wir versuchen müssen zu verstehen, mit was wir es eigentlich zu tun haben.

Im Januar in Davos hat der Historiker Yuval Noah Harari etwas gesagt, das mir seitdem nicht aus dem Kopf geht. Er sagte, dass KI ihn schlagen wird. Sie wird ihn in dem Bereich schlagen, auf den er sein ganzes Leben aufgebaut hat: Wörter in die richtige Reihenfolge zu bringen.

Er ist ein Autor, ein Redner – das Spiel mit Worten ist sein Metier. Und KI wird ihn darin schlagen. Er weiß nicht, ob es zwei Jahre dauern wird oder zehn, aber es wird passieren.

Seine Überlegungen haben etwas mit Struktur zu tun. Wenn Denken weitgehend auf Sprache beruht, dann übertrifft KI schon jetzt viele Menschen. Das heißt, alles, was aus Worten besteht, wird zunehmend von KI übernommen.

Seine Schlussfolgerung ist unmissverständlich:

Ob Menschen einen Platz in dieser Welt behalten, das hängt von dem Wert ab, den wir unseren nonverbalen Gefühlen und unseren körperlichen Lebenserfahrungen beimessen – Weisheit, wenn du so willst, die nicht vollkommen mit Worten ausgedrückt werden kann.

Wenn wir damit fortfahren, uns selbst über unsere Fähigkeit, in Sprache zu denken, zu definieren, wird unsere Identität allmählich an Bedeutung verlieren.

Das ist beunruhigend, weil Sprache unser Handwerk ist.

Songs sind Sprache, Geschichten sind Sprache. Die Kunstformen, die die meisten von uns in diesem Raum ihr Leben lang ausgeübt haben und die sie beschützt haben, bestehen aus Worten und den Räumen dazwischen.  

Andererseits sind Songs nicht nur Worte, sie sind auch Musik.

Aber was ist Musik genau? Ist es eine Sprache? Und wenn ja – oder wenn nein –, was folgt daraus?

Dies erweist sich als eine der ältesten und meist umstrittenen Fragen der Philosophie und der Neurowissenschaft. Und die Antwort ist: Musik ist beides und keines von beiden, und genau diese Mehrdeutigkeit ist der springende Punkt.

Musik hat Struktur. Sie folgt Mustern und Regeln, die ein geschultes Ohr wahrnimmt, ähnlich wie die Grammatik der Sprache. In diesem Sinne gibt es klare Parallelen zwischen Musik und Sprache, und das ist genau der Part, den KI bereits beherrscht.

Aber Musik ist nicht nur Struktur.

Steven Pinker legt dar, dass, während Musik die strukturellen Merkmale der Sprache teilt, ihr jedoch die Semantik fehlt. Sie kann auf sich allein gestellt keine spezifische Bedeutung kommunizieren. Ein Satz erzählt dir etwas. Eine Melodie lässt dich etwas empfinden, aber sie sagt dir nicht, was du dabei empfinden sollst.

Harari sagt, der letzte menschliche Zufluchtsort, das Gebiet, dass KI nicht ganz kolonisieren kann, liegt im nonverbalen Fühlen und in körperlicher Erfahrung. Und es zeigt sich, dass Musik genau hier angesiedelt ist. Nicht ganz im Bereich der Sprache, nicht ganz außerhalb von ihr, sie sitzt genau auf der Schnittstelle.

Endlich eine menschliche Domäne. Zumindest möchten wir das gerne glauben.

Aber ich muss Ihnen gegenüber, auch wenn es unangenehm ist, ehrlich sein.

Die Maschine hat bereits begonnen in diesen Bereich vorzudringen. Sie versteht schon, wie sie unsere Gefühle manipulieren kann.

Einer neuen Studie gemäß löst KI-generierte Musik stärkere emotionale Reaktionen aus als von Menschen komponierte Musik. Teilnehmer beschrieben die KI-Musik als mitreißender, auch wenn menschliche Musik ihnen vertrauter vorkam.

Mitreißender.

In einem Blindtest gewinnt die Maschine in genau diesem Bereich – der emotionalen Wirkung –, von dem wir dachten, er gehöre uns allein.

Was bleibt also übrig, wenn menschliche Kreativität sich nicht durch überragende Qualität oder größere emotionale Kraft oder gar Originalität auszeichnet, weil die Maschine uns in diesen Punkten ebenbürtig ist, was bleibt dann übrig?

Ich glaube, die Antwort ist:

Menschliche Kreativität ist nicht nur Ausdruck. Sie ist Bezeugung. Das Bezeugen eines gelebten Lebens.

Ein Mensch, der einen Song schreibt über Trauer, hat getrauert. Jemand, der über Liebe schreibt, hat geliebt – und höchstwahrscheinlich verloren. Der Song ist nicht nur ein Produkt. Es ist ein Beweis. Ein Beweis dafür, dass etwas einer lebenden Person widerfahren ist, das sie erfreut oder erlitten hat, und dass sie einen Weg gefunden hat, dies anderen zu vermitteln.

Das war Kunst schon immer.  Keine Dekoration, sondern ein Bezeugen.

Harari drückt dies in einer Weise aus, die fast unerträglich präzise wirkt. Er greift die uralte Spannung zwischen Wort und Fleisch auf, zwischen dem, das mit Sprache ausgedrückt werden kann, und dem, das jenseits von Worten liegt.

KI kann jedes Gedicht, das jemals geschrieben wurde, lesen und das Gefühl der Liebe wortgewandter ausdrücken als jeder Dichter. Aber das sind nur Worte.

Es ist die Landkarte, nicht das Gelände. Das Symbol, nicht die Sache selbst.

Wir können nur hoffen, dass die Menschen sich weiterhin um das Gelände kümmern, auch wenn die Karte außergewöhnlich schön wird.

Und wenn wir das glauben, so wie ich es tue, dann ist das nicht länger nur eine philosophische Frage. Es wird zu einer politischen und zu einer juristischen.

Denn Überzeugungen wie diese setzen sich nicht von allein durch. Sie erfordern Struktur. Sie erfordern Gesetze.

Bezeugung hat immer schon einen Zeugen gebraucht, und Zeugen benötigen Schutz. In dieser Hinsicht sind die Nachrichten gemischt.

Im März hat die britische Regierung ihren Vorschlag, wonach Urheber*innen sich ausdrücklich dagegen entscheiden müssten, dass ihre Werke von KI ausgewertet werden, nach heftigem Widerstand aus der gesamten Kreativbranche zurückgezogen.

Das war ein echter Sieg, errungen von Menschen, die verstanden hatten, was auf dem Spiel stand, und sich weigerten, zu schweigen.

Am 31. Juli wird das Gericht in München im Verfahren GEMA gegen Suno entscheiden – Europas erster bedeutender Test, ob das Trainieren generativer KI mit urheberrechtlich geschützter Musik eine Rechtsverletzung darstellt.

Und diesen Sommer wird in einem Gerichtssaal in Massachusetts ein Richter darüber entscheiden, ob die Nutzung durch Suno rechtmäßig war. Sollte Suno gewinnen, würden alle Lizenzverträge im Bereich der KI-Musik scheitern. Sollte es verlieren, wird die Lizenzierung zum geltenden Recht.

Ein historischer Scheideweg, und wir stehen gerade davor.

Lassen Sie mich zu dem Punkt zurückkehren, an dem ich begonnen habe. Ist die Herkunft von Kunst von Bedeutung?

Ich glaube ja.

Nicht weil Menschen Klänge intelligenter gestalten können, sondern weil wir, die sie gestalten, gelebt haben; Angst gehabt haben; geliebt haben; Menschen verloren haben; vor etwas gestanden haben, dass wir nicht erklären konnten; und versucht haben für all das Worte oder Noten oder Stille an der richtigen Stelle zu finden.

Musik ist vielleicht von allen Kunstformen diejenige, die dieser Erfahrung nach am nächsten kommt. Sie reicht zurück bis in eine Zeit vor der Sprache, in den Teil von uns, der schon bewegt war, bevor wir Worte hatten, um zu erklären, warum.

Das ist das Wunderbare an ihr. Und es ist das, was der Maschine fehlt.

Für sie steht nichts auf dem Spiel, sie hat kein persönliches Interesse an der Antwort auf meine ursprüngliche Frage. Sie liegt nicht wach und fragt sich, ob sie von Bedeutung ist.

Sie wird nicht traurig sein, wenn die Antwort „nein“ lautet.

Wenn wir den Wert der menschlichen Handschrift hinter dem Werk nicht mehr schützen können. Wenn die Herkunft nicht mehr von Bedeutung ist …

Ich würde trauern. Wir alle würden.

Und das ist der Punkt, an dem die Kontroverse beginnt.

Menschen wie wir in diesem Raum haben ein Jahrhundert lang dafür gekämpft – in rechtlicher und in praktischer Hinsicht –, dass die Person hinter dem Werk real und identifizierbar ist und ihr etwas zusteht.

Dieser Kampf ist niemals wichtiger gewesen als heute. Und noch nie wurde er so auf die Probe gestellt.

Was wir in den nächsten Jahren tun, wird darüber entscheiden, ob es, wenn sich die Lage beruhigt hat, immer noch ein Ökosystem gibt, in dem menschliche Urheber*innen existieren können, ihren Lebensunterhalt verdienen können und etwas von sich selbst an die weitergeben können, die nach ihnen kommen. Ganz gleich, ob sie es in Zusammenarbeit mit KI tun oder nicht.

Das ist die Aufgabe.

Das war immer die Aufgabe.

Alles Gute zum 100. Geburtstag, CISAC.

Vielen Dank.


Den vollständigen englischen Text finden Sie unter https://www.cisac.org/Newsroom/articles/full-text-opening-speech-cisac-president-bjorn-ulvaeus-cisac-general-assembly 

Weitere Informationen können Sie hier nachlesen: https://www.cisac.org/Newsroom/news-releases/abba-co-founder-and-cisac-president-bjorn-ulvaeus-opens-cisacs-centenary

Bildmaterial: Romain Moriceau